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Erschöpfung trägt inzwischen ein professionelles Gesicht

In letzter Zeit höre ich in meinen Coachinggesprächen mit Menschen in Verantwortung immer wieder ähnliche Sätze:

  • „Innerlich bin ich erschöpft. Zeigen kann ich das aber nicht.“
  • „Nicht funktionieren gibt’s nicht mehr.“
  • „Ich muss überall dran bleiben und alles unter Kontrolle haben.“

Das sind keine Einzelfälle. Und sie sind auch nicht Ausdruck individueller Schwäche. Aus meiner Sicht spiegeln sie unter anderem die Dynamiken einer Zeit wider, die von permanenter Beschleunigung geprägt ist und immer weniger echte Pausen kennt.

Wirtschaftliche Unsicherheit, gesellschaftliche Spannungen, politische Dauerdebatten und technologische Umbrüche erzeugen eine Reizüberflutung, die uns gedanklich kaum noch wirklich zur Ruhe kommen lässt. Viele Menschen erleben heute eine Form von Daueranspannung. Eine Anspannung, die nicht unbedingt laut ist, denn sie zeigt sich oft leise – und bleibt gerade deshalb lange unbemerkt.

Und oft sind es Führungskräfte und Menschen mit hoher Verantwortung, die besonders viel auffangen und unter dieser Daueranspannung stehen. Sie tragen Entscheidungen, geben Orientierung, fangen Unsicherheiten auf und versuchen gleichzeitig, Stabilität zu vermitteln. Viele wirken im Außen leistungsfähig, nahezu perfekt und souverän, treiben Themen voran und übernehmen Verantwortung. Doch vieles davon hat innerlich längst seinen Preis.

Nicht selten sind es gerade die Menschen, die als besonders belastbar gelten, die ihre eigenen Grenzen am längsten übergehen. Sie funktionieren und leisten – bis sie irgendwann spüren, wie viel Kraft es kostet, dauerhaft stark wirken zu müssen.

Doch eines zeigt sich immer wieder: Daueranspannung verschwindet nicht durch noch mehr Funktionieren.

Und ich kenne dieses Spannungsfeld selbst: den Wunsch, belastbar zu bleiben. Die Tendenz, Grenzen erst spät wahrzunehmen. Druck möglichst lange wegzudrücken. Gerade deshalb beschäftigt mich die Frage, wie wir Leistung und Selbstfürsorge besser miteinander verbinden können.

Selbstführung beginnt mit Wahrnehmung

Für mich liegt hier eine der zentralen (Selbst-)Führungsfragen unserer Zeit:

Wie bleiben wir mit uns selbst und mit anderen in Beziehung, wenn die Welt um uns herum immer schneller, unsicherer und komplexer wird?

Wir unterschätzen häufig, wie wichtig es geworden ist, Räume zu schaffen, in denen wir kurz nicht funktionieren müssen. Momente, in denen wir innehalten und uns ehrlich fragen: Wie geht es mir gerade wirklich?
Und dann auch: Wie geht es Dir gerade wirklich? Nicht als Floskel. Sondern mit echtem und aufrichtigem Interesse.

Denn die Art und Weise, wie wir mit uns selbst umgehen, prägt immer auch die Menschen und Systeme um uns herum. Führung wirkt – ob bewusst oder unbewusst. Wer dauerhaft unter Druck steht, gibt diesen Druck häufig weiter. Nicht bewusst oder absichtlich, sondern weil sich innere Zustände oft unbemerkt auf Beziehungen, Teams und Organisationen übertragen.

Daueranspannung ist kein Führungsmodell

Ich schätze Leistung. Leistung ermöglicht Entwicklung, Veränderung und Fortschritt – solange sie gesund bleibt. Aber: Daueranspannung ist eben kein Führungsmodell.

Permanentes Funktionieren ist kein Zeichen von Stärke oder Erfolg. Dahinter stehen häufig tiefere Dynamiken: die Angst vor Kontrollverlust, der Wunsch, allem gerecht zu werden, oder die Sorge, ohne Leistung an Wert zu verlieren.

Wir brauchen deshalb nicht noch mehr Selbstoptimierung. Sondern mehr ehrliche Selbstwahrnehmung. Mehr Bewusstsein für die eigenen Grenzen. Und mehr Räume, in denen Menschen auch Unsicherheit zeigen dürfen – ohne Sorge, dadurch an Professionalität zu verlieren.

Regeneration darf kein Luxus sein. Sie ist eine Voraussetzung für Klarheit, Präsenz, Empathie, Verbindung und langfristige Wirksamkeit.

Führungskräfte prägen Kultur – bewusst und unbewusst. Wer nie regeneriert, signalisiert dem Team: Erschöpfung ist der Standard. Und genau das überträgt sich – auf die Zusammenarbeit, die Erwartungen und letztlich auf die Kultur eines Teams. 

Somit braucht es zunehmend Führung, die nicht nur Leistung ermöglicht, sondern auch einen gesunden Umgang mit Belastung vorlebt. Denn die Art und Weise, wie wir mit uns selbst umgehen, prägt immer auch die Menschen und Systeme um uns herum.

Neugierig geworden?

In einem persönlichen Austausch erzähle ich gerne mehr darüber, wie ich diese Entwicklung aktuell in meiner Arbeit erlebe und auch nutze. Ich freue mich auf Deine Perspektive.

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